Montag, 18. Dezember 2017

Das schottische Gesundheitssystem, oder: Naja, auf der Straße lassen sie dich nicht sterben …


 
Ich wusste, ich gehe mit einer chronischen Krankheit und einem Rucksack voller Allergien ein gewisses Risiko ein, das doch immer noch gute deutsche Gesundheitssystem mit meiner Auswanderung nach Schottland hinter mir zu lassen. Daher will ich mich auch gar nicht beklagen. Aber zumindest mal berichten. Wie meinte ein schottischer Bekannter von mir letztens noch: „Was Vorsorge angeht, ist es hier eine Katastrophe. Aber auf der Straße lassen sie dich schon nicht sterben.“

 

Keine Behandlung ohne Adressnachweis


Nach gut einem halben Jahr habe ich es endlich geschafft, mich in einer Hausarztpraxis registrieren zu lassen. Nicht, dass ich es vorher nicht versucht hätte. Es war sogar so ziemlich das erste, das ich in Angriff genommen hatte, war ich doch mitten in einer Wespenbehandlung. Ein Jahr der monatlichen Spritzen zur Desensibilisierung hatte ich schon hinter mir, samt eines dreitägigen Krankenhausaufenthalt für die ersten 10 Spritzen. 3-5 Jahre sollte die Behandlung insgesamt dauern. Wartet man länger als 6 Wochen nach der letzten Injektion, war die ganze Prozedur umsonst und man muss wieder von vorne beginnen.

So stand ich an der Rezeption einer Arztpraxis in Inverness, hinter der mich nur zwei stark geschminkte Augen ungläubig anschauten: Von so einer Behandlung hätten sie dort noch nie gehört. Aber ein Notfallset, das könne man schon bekommen. Aber dafür müsse ich mich erst registrieren. Ob ich denn einen Adressnachweis hätte, also laufende Strom- oder Gasrechnungen. Ist ja ein bisschen schwierig, wenn man gerade erst angekommen sei, entgegnete ich. Dann könne ich mich eben auch nicht registrieren lassen, bekam ich zur Antwort.

Sorry, wir registrieren nur dienstags


Ein paar Wochen später in Edinburgh nutzte ich einen meiner freien Montage für einen erneuten Versuch. Hier darf man sich nur bei den Ärzten registrieren lassen, in deren Einzugsgebiet man auch wohnt. Diese Gebiete sind genau definiert. Die meisten Ärzte registrieren nur bis zu 30 Patienten in der Woche. Danach herrscht dann erst mal ein Aufnahmestropp. In Praxis Nr. 1 hieß es: Aufnahmestopp. In Praxis 2: Aufnahmestopp. In der dritten Praxis sagte man mir dann: „Wir registrieren nur dienstags.“ Ich: „Wie bitte?“ Nun, man hätte festgestellt, dass Montag, wenn man aus dem Wochenende komme, erst mal so viel Arbeit anfalle, da hätte man die Registrierung auf dienstags verschoben. Ich informierte die Dame an der Rezeption, dass ich leider nur montags frei hätte. Daraufhin meinte sie: „Dann müssen sie sich eben einen Tag Urlaub nehmen oder mit einem Kollegen tauschen. Wenn man wirklich registriert werden wolle, dann würde man das auch mal dafür tun.“


Ich legte ihr mein Notfallset auf den Tresen mit dem Kommentar, meine Adrenalinspritze sei seit einem Monat abgelaufen. (In Deutschland führts das zu Alarmstufe Rot!). Außerdem hätte ich eine Endometriosezyste, die bald so groß sei wie ein Tennisball. Die würde langsam Beschwerden bereiten und müsste mal dringend kontrolliert werden. „Sorry, we only register on Tuesdays.” – “And please bring your proof of address!”

Sie müssen ja eh den Notarzt rufen


Letzte Woche startete ich wieder einen Versuch in einer weiteren Praxis, artig ausgestattet mit meinen Adressnachweisen und einem Formular, in das ich ebenfalls unter anderem meine Adresse eintragen musste - und ich hatte Erfolg! Voller Zuversicht saß ich vorm Arzt und breitete mein Allergiker-Notfallset vor ihm aus, das mittlerweile komplett erneuert werden musste: eine Flasche Antihistaminikum, eine Flasche Kortison und den Adrenalin-Pen. Ja also, das mit dem Pen wäre kein Problem. Aber die anderen Medikamente bekäme man hier nicht als Flüssigkeit. Aha. Ich erinnerte mich, wie der Arzt in Deutschland meinte, man gebe extra Flüssigkeiten, weil die im Notfall schneller eingenommen wären und auch schneller wirkten.

Ich fragte, wie viele Tabletten ich denn jeweils nehmen müsse, um auf dieselbe Dosis zu kommen. Der Arzt tippelte etwas in den Computer. Vom Antihistaminikum wären das dann 10 Tabletten. Nee, is klar … Und das Kortison? Der Arzt tippelt. Ja, das wären auch 10 Tabletten. Aber Moment - Tippel, ein Nicken - die müsse man aber vorher in Wasser auflösen. Was man halt nebenbei noch so macht, wenn man in der Anaphylaxis ist … Der Arzt fragte mich, ob ich die Medikamente denn nun haben wolle. Ich fragte im Gegenzug, ob ich denn eine andere Wahl hätte. Der Arzt meinte, wenn man mal ehrlich sei, wäre das Wichtigste im Notfallset ja das Adrenalin, und im Fall einer Reaktion müsse ich ja eh einen Notarzt rufen …

 Zeit und Ort - in Schottland anscheinend beides relativ


Danach kamen wir auf meine Endometriose zu sprechen. In Deutschland hatte man mir gesagt, ich müsse alle drei Monate zur Kontrolle. Ich dachte, komm, jetzt überstrapaziere den armen Mann mal nicht, sag einfach zwei Mal im Jahr. Die letzte Kontrolle war im Mai. Jetzt ist Dezember. Da hat er wenigstens das Gefühl, dass wir das schaffen könnten. Nun ist es in Schottland so, dass man sich Fachärzte nicht einfach aussuchen kann. Man wird vom Hausarzt zugeordnet. „Sie werden dann in ein paar Wochen eine Einladung von einem Gynäkologen erhalten“, sagte der Arzt. In ein paar Wochen, so so. Und wenn ich „in ein paar Wochen“ nichts von einem Gyn gehört hätte, solle ich einfach nochmal in der Praxis vorbeikommen.

Dann drückte er mir das Rezept für den Epi-Pen und die 20 Tabletten in die Hand. Mit denen ging ich dann fast schon stolz in die Apotheke, wo ich dann mit einem Blick auf die Rezepte feststellte, dass sie mich in der Arztpraxis unter einer falschen Adresse registriert hatten …